Leseprobe „Bei Papa gibt es immer Cola“

Vorwort

Als meine Tochter drei Jahre alt war, trennte ich mich von ihrem Vater. Sie hat erst mit mir alleine gelebt und später noch zwei Ge- schwister bekommen. In einer Patchwork-Familie, die immerhin zehn Jahre lang hielt. Meine drei Kinder erlebten einiges an Um- bruch, an Umzügen, an neuen Menschen, die kamen und gingen. „Der Riss geht durch die Kinder“, dieser im Jahr 1991 erschienene Titel des Soziologieprofessors Otto Gaier drückt die emotionale Zumutung aus, die die Trennung ihrer Eltern für meine Kinder bedeutete.

Mein Selbstbewusstsein als Trennungsmutter hatte Hochs und Tiefs. Mal fühlte ich mich gründlich gescheitert, dann wieder war ich stolz auf meine tollen Kinder, denen egal zu sein schien, ob ich sie als Single-Mom oder als Patchwork-Managerin liebte. Wenn es Konflikte gab, halfen mir pädagogische Ratgeber oft nicht weiter, weil unsere spezielle Familien-Konstellation darin nicht vorkam. So fing ich an Kolumnen über Situationen zu schreiben, in die ich unverhofft gestolpert war und für die es keine Vorbilder gab.

Beim Schreiben wurden mir zwei Dinge klar: Zum einen sind viele Konflikte, die ich mit meinen Kindern erlebe, erstaunlich normal und eher nicht durch die besondere Situation als allein- erziehende Mutter verursacht. Zum anderen, und das ist der noch wichtigere Punkt, ist Familie nicht nur eine soziologische Ein- heit, sondern ein Traum, den wohl niemand so lebhaft träumt wie Kinder, die eine Trennung erlebt haben. „Bei Papa gibt es immer Cola!“ ist nicht nur eine Beschwerde, sondern zugleich die Bitte, den abwesenden Elternteil mitzudenken.

Meine Kolumnen erzählen vom Leben mit meinen Kindern, dem Wunsch, ihnen trotz Trennung eine stabile Familie zu bieten und den Lektionen, die das Leben mir dabei erteilte. Wenn ich eine Botschaft vermitteln möchte, dann die, dass Eltern auch nach einer Trennung versuchen sollten, gemeinsam Eltern zu sein, damit es nicht nur heißt: „Bei Papa gibt es immer Cola!“, sondern auch: „Und Mama liest super Geschichten vor!“

Ich wünsche mir, dass Eltern — und vor allem getrennt lebende Mütter und Väter — sich durch meine Kolumnen ermutigt fühlen, sich und ihrer Liebe zu ihren Kindern zu vertrauen, gerade dann, wenn nicht alles so glatt läuft, wie wir uns das wünschen. Wir werden nicht als Eltern und schon gar nicht als Trennungseltern geboren, sondern wachsen in diese Rolle hinein. Unsicherheit und sogenannte „Erziehungsfehler“ gehören dazu.

Ich wünsche mir eine Welt, in der sich getrennte Eltern und ggf. auch ihre neuen Partnerinnen und Partner davon berühren lassen, was Kinder brauchen, und um ein respektvolles Miteinan- der bemühen.

Ich wünsche mir, dass die Liebe von Kindern zu beiden Eltern auch nach einer Trennung der Maßstab für das Handeln aller Er- wachsenen bleibt, was eine große Herausforderung ist. Denn auch Eltern sind nur Menschen und in Trennungssituationen einer Belastung (emotional, finanziell, sozial) ausgesetzt, die sich oft in Auseinandersetzungen entlädt.

Ich wünsche allen Kindern, die unter den Konflikten und ggf. der Unversöhnlichkeit ihrer Trennungs-Eltern leiden, dass sie ausreichend Trost und Verständnis erfahren. Ich wünsche den Müttern und Vätern, die sich mit der Sorge um ihre Kinder allein gelassen und vielleicht auch überfordert fühlen, dass sie den Mut aufbringen, für sich und ihre Familie (ggf. auch professionelle) Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die diese Hilfe organisiert, einen Staat, der Trennungs-Familien unterstützt, und Menschen, die sich in allen Missständen, die es so gibt, für ihr eigenes Glück und das ihrer Kinder verantwortlich fühlen.

Berlin, Januar 2018                 Katharina Martin