Leseprobe »Tango Dreams«

68. Kolumne: Vor dem ersten Schritt

Oben Kuschelkurs, in den Hüften so viel Abstand wie möglich. Die besondere Tanzhaltung des argentinischen Tangos wird gerne mit der Angst argentinischer Matrosen erklärt, ihr schwer verdientes Geld beim Schunkel-Tanz zu verlieren. Die weibliche Berührung sollte genossen werden, ohne dass die prallgefüllten Hosentaschen geplündert werden konnten. Sinnlichkeit und Selbstschutz. Das Bild der Matrosen fällt mir ein, als ich bei der Freitags-Milonga in der Panoramico-Bar im 13. Stock am Strausberger Platz beobachten darf, wie eine Tanguera in rotem Shirt aufgefordert wird. Sie, sichtlich erfreut, breitet die Arme aus, um jene Tanzhaltung einzunehmen, bei der nur noch geklärt werden muss, ob eng oder offen. Doch weit gefehlt. Während ihre Arme selbstbewusst in der Luft schweben, lässt der Tanguero sich Zeit. Die hinteren Hosentaschen seiner Jeans sind so prall gefüllt, als habe es ihn direkt vom Rio de la Plata nach Berlin-Mitte gespült, wenn es auch keine Goldmünzen sind, die ihn beschweren, sondern die ganz gewöhnliche Grundausstattung eines Mannes: Geldbörse, dazu Smartphone, Auto- und Hausschlüssel. Seine Hosentaschen signalisieren seinen Single-Status, denn wäre er in Begleitung, läge der Inhalt wohl verwahrt im Handtäschchen seiner Liebsten. Der Tanguero mit den prallen Hosentaschen steht auf der Tanzfläche, als sei Stehen ein Prozess. Es ist ein Prozess. Der Entschleunigung. Der Verinnerlichung. Langsam kommt er an. In seinem Stehen. Bei sich. Und bereitet sich vor auf den Moment, da die Musik zu einer Eingebung wird, die ihm sagt, jetzt sei der Moment, den ersten Kontakt mit der Dame im roten Shirt herzustellen, die ihre Arme nun mit einer irritierten Bewegung wieder herabsinken lässt. Tango beginnt vor dem ersten Schritt, ja, vor der ersten Berührung. Damit Erwartungen nicht enttäuscht werden, lässt man sie besser zuhause. Kontakt wird erzeugt durch Bewegungen, die einer unsichtbaren Parada gleichen, jenem Schritt, bei dem der Führende seinen Fuß als Grenze aufbaut. Halt. Stopp. Der schönste Weg ist ein Umweg. Tango lehrt, Umwege zu genießen. Dann, endlich, ist es soweit. Der Tanguero legt den Arm um den Körper der Frau, seine Hand findet ihren Rücken und fast sieht es so aus, als habe sie sich in sein Tempo gefügt. Sie atmen ein, ihre Körper verbinden sich, gleich wird er sie einladen zum ersten Schritt. Gespannt halte ich den Atem an. Wohin wird er führen?

Auszug aus »Tango Dreams«, Lea Martin, Berlin 2019